München, Leopoldstr. 87

1. VI. 16.

Lieber Wien!

Cantor war doch eigentlich bei all seinen Unregelmässigkeiten eine anziehende Erscheinung. Sein Ende erhöht diesen Eindruck noch.

Daß Sie an Harms als Nachfolger denken, wundert mich. Sein Verhalten in den letzten 10 Jahren lässt befürchten, dass das Würzburger Extraordinariat auch weiter im Verborgenen blüht. Bei aller inneren Tüchtigkeit von Harms verlangt die akademische Gerechtigkeit m.M.n. dass er übergangen wird. Gutmütigkeit ist die Wurzel allen Übels in Berufungsangelegenheiten. Sie sollten den anderen Universitäten ein gutes Beispiel geben. Harms ist als beamteter Assistent und Beiblätter-Redakteur so gestellt und gewürdigt, wie er es erwarten kann, nach seinen trefflichen Leistungen im Institut. Daß er Extraordinarius wegen seiner virtuellen wissenschaftlichen Leistungen wird, kann er wirklich nicht verlangen.

Bei Füchtbauer liegt es anders. Er arbeitet ja auch langsam aber doch nicht hoffnungslos langsam u. hat eine grosse Frucht aufzuweisen. Er ist in Tübingen an 1. Stelle auf der Liste, ganz mit meiner Zustimmung. (An 2. Stelle kommt wohl Lenz hin, aber die Fakultät scheint noch nicht im Reinen. Vermutlich wollen die Mathematiker Happel.) Ich habe auch gegen Paschen betont, dass Füchtb. theoretisch hinlänglich interessirt und versirt ist.

Auch Wagner ist theoretischer Physiker, nur nicht die Spur mathematischer Physiker. Koch ist wohl beides nicht, sondern nur glänzender physikalischer Techniker. Sie würden persönlich viel von Wagner haben. Seine letzten Leistungen sind doch sehr schön. /2/ Madelungs damalige Leistung (von Voigt als Habilitationsarbeit zurückgewiesen) verdient jede Belohnung. Sonst ist er aber ein wilder und wirrer Kopf. Lenard habe ich ihn seinerzeit nicht empfohlen, weil die beiden zusammen zu Böses gebraut haben würden. Mit Würzburg ist es anders, solange Sie da sind. Er braucht eine energische geistige Zucht. Seine Ätherschwingungen waren schlimm, ebenso schlimm dass ganz Göttingen darauf hereinfiel.

Denken Sie garnicht an Lenz? Tatsächlich ist er doch der einzige wirkliche Privatdozent für theoretische Physik, ein Mensch mit allen Vorbedingungen mathematischen Talentes, physikalischen Anschauungsvermögens, experimentellen Intereßes, durchaus Nachfolger von Debye. Seine Habilitationsarbeit (Eigenschwing. von Spulen) ist die höchste Leistung der rechnenden Elektrodynamik, wirklich meisterhaft in der Handhabung der mathematischen Hilfsmittel. Ich hätte mich nie an diese Arbeit herangewagt, trotzdem ich sie seit Drudes Beobachtungen darüber immer im Auge hatte, weil mir das Problem aussichtlos verwickelt schien. Lenz aber meistert die Problemstellung u. die Näherungsmethoden. Noch kürzlich schrieb mir Rogowski (Reichsanstalt) ganz entzückt über diese Arbeit. Sonst hat er nicht viel zu Ende gebracht; 2 glänzend geschriebene, halbpopuläre Aufsätze in Rogowski's Archiv f. Elektrotechnik ausgenommen. Auch inhaltlich enthalten sie ganz originelle Gedanken. In Quantenstatistik, Verständnis der Prinzipien der Gastheorie, dürfte nicht leicht einer Lenz überlegen sein. Sie haben jedenfalls auch aus den persönlichen Gesprächen mit ihm den Eindruck eines ungewöhnlich tiefen Geistes. Seine Vorlesungen waren sehr gut, u. gern gehört. Aber er hat nur 1 Semester vor dem Krieg gelesen. Ich gebe gern zu dass er nach seinen vorhandenen Publikationen kein unmittelbares Anrecht auf den Ruf hat. Aber nach den von ihm unbedingt zu erwartenden Leistungen hat er es m.A.n. mehr als jeder andere. Hertz ist mir namenlos langweilig. Ich habe im vorigen Jahr in Göttingen mehrmals mit ihm zu sprechen versucht. Tief u. gründlich ist er zweifellos, ich glaube aber, er ist in Göttingen glücklicher als wo anders.

Lenz ist jetzt im Gr. H. Qu. u. scheint ähnliche Erfolge zu haben wie Föppl.